Athletenmitbestimmung – ein Paradoxon

Die Suche nach einer tragfähigen Interessensvertretung der Athletinnen und Athleten hat nicht nur im deutschen Hochleistungssport eine lange Tradition. Als institutionelle und organisatorische Lösung hat man bislang auf den Athletensprecher, die Athletenkommission, die Athletengewerkschaft und die Interessenvereinigung „Athleten“ gesetzt. In diesen Tagen ist in Deutschland ein Verein mit dem Namen „Athleten Deutschland e.V.“ diesen Organisationsmustern hinzugefügt worden. 54 deutsche Athletenvertreter bzw. Spitzensportler haben diesen Verein in Köln gegründet. Ihr Präsident ist Max Hartung – Mitglied der Deutschen Fechter-Nationalmannschaft und seine Stellvertreterin ist die Kanutin Silke Kassner.

Wie es nicht anders zu erwarten war, konnte sich diese Vereinsgründung der Aufmerksamkeit der Massenmedien sicher sein. Damit kann das schon seit längerem gepflegte „Schwarz-Weiß-Bild“ des deutschen Sportjournalismus um ein weiteres Kapitel fortgeschrieben werden. Auf der einen Seite die fremdgesteuerten, ausgebeuteten und unterdrückten Athleten, auf der anderen Seite der Funktionärssport, von dem sich endlich mündig gewordene Athleten zu emanzipieren versuchen. Vom nächsten Schritt zur Emanzipation spricht die „FAZ“ und für den „Spiegel“ ist die Vereinsgründung eine „Funktionärsdämmerung“ und ein vernehmbarer Schritt zur „Emanzipation vom Funktionärssport“. Hier die bösen Funktionäre, dort die bemitleidenswerten Athleten – dieses stereotype und ideologische Kommunikationsmuster hat in der Berichterstattung über den Sport eine lange Tradition. Die Hierarchie der Bösen wird vom IOC-Präsidenten Bach angeführt, gefolgt vom DOSB-Präsidenten Hörmann und seinem Generaldirektor Vesper. In der Liste der Guten nehmen Athleten wie Robert Harting, Max Hartung, Silke Kassner und Imke Duplitzer vorrangige Plätze ein. Für die meisten Sportjournalisten ist die Funktionärsschelte zu einem überdauernden Topos ihrer Berichterstattung geworden, ohne dass dabei allerdings erkannt wird, dass es die Sportberichterstattung ohne Sportfunktionäre wohl kaum geben könnte.

Sport, der berichtenswert ist, Wettkämpfe bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften im Fußball, im Handball oder in der Leichtathletik, Meisterschaften von der Kreisklasse bis zur nationalen Spitze – all diese Anlässe für eine Sportberichterstattung sind an organisatorische Voraussetzungen gebunden, die im besten Sinne des Wortes „funktionieren“ müssen und wozu man Funktionäre benötigt, die das Funktionieren dauerhaft sichern. Die Semantik des Wortes „Funktionär“ ist in der Kommunikation über den deutschen Sport nahezu ausschließlich negativ besetzt. Will man sich jedoch über die Notwendigkeit neuer Formen der Mitbestimmung der Athleten versichern, so ist es wichtig, dass man sich beider Rollen, der Rolle des Athleten und der Rolle des Funktionärs, etwas genauer versichert, als dies üblicherweise der Fall ist.

Der Athlet steht ohne Zweifel im Zentrum der Idee des Wettkampfsports. Er trainiert und übt, um sich im Wettkampf mit Gegnern zu messen, um Erfolge für seinen Verein zu sichern und die höchsten Ziele in der jeweiligen Sportart zu erreichen. Von einer Teilnahme bei Olympischen Spielen zu träumen, an Weltmeisterschaften teilzunehmen, Deutscher Meister zu werden, der Beste zu sein in seiner Region – all dies ist ein wünschenswerter und motivationaler Hintergrund für Athleten. Jeder Athlet benötigt jedoch für sein Training und für seinen Wettkampf Organisation. Organisation kann Selbstorganisation sein, doch ist diese im Wettkampfsport äußerst limitiert. Internationaler Hochleistungssport ist auf Fremdorganisation angewiesen. Er bedarf einer grundlegenden organisatorischen Unterstützung von der Basis bis zum Dach. Hochleistungssport beginnt im Kindesalter. Doch ab der ersten Übungsstunde bis zum glorreichen Olympiasieg eines Schwimmers oder Leichtathleten sind Organisationsleistungen zu erbringen, die ihresgleichen suchen. Wettkampfsport ist somit per definitionem an Organisation gebunden – an den Verein, an den Verband, an die internationale Sportorganisation. In diesen Organisationen müssen Personen tätig sein, die Ämter im Interesse des Wettkampfes und im Interesse der Athleten ausüben. Funktionäre sind in der Regel Beauftragte auf Zeit, die ehrenamtlich oder hauptamtlich bestimmte Aufgabenbereiche besorgen. Funktionär wird man in der Regel durch Kooptation, die bei den ehrenamtlichen Funktionären durch eine notwendige Wahl nach Außen legitimiert wird.

Betrachtet man das Zusammenspiel zwischen den Sportorganisationen und ihren Athleten, wie es sich in Deutschland täglich nahezu problemlos ereignet, so kann durchaus behauptet werden, dass es nur wenige Nationen gibt, in denen in vergleichbarer Weise dieses organisatorische Zusammenspiel dauerhaft und qualitativ anspruchsvoll gelingt. Möchte sich ein Athlet in einer bestimmten Wettkampfsportart engagieren, so findet er in seiner näheren Umgebung ein Trainingsangebot für seine Sportart. In einem Verein ist man um eine angemessene Sportartenvielfalt bemüht, stellt Übungsleiter und Trainer zur Verfügung und sichert die Wettkämpfe von der untersten bis zur höchsten Klasse ab. Die Vereine bemühen sich um die notwendigen Einnahmen, damit auf Dauer ein Trainings- und Wettkampfbetrieb gesichert werden kann. Die Vereine bieten dabei angesichts ihrer demokratischen Strukturen, die auch vom Gesetzgeber vorgeschrieben sind, für jedes Vereinsmitglied Artikulationsmöglichkeiten unterschiedlichster Interessen. Die Idee der Mitbestimmung ist dabei konstitutiv für die Organisation des Sports. Dies gilt vor allem für die Ebenen des Vereins, aus denen heraus und in denen ein Athlet seinen Wettkampf betreibt. Bei Kindern und Jugendlichen sind dabei vor allem Eltern gefordert, bei den Erwachsenen kommt es auf die Mitarbeit der Athleten in den Gremien des Vereins an. Trainer und Übungsleiter haben ihre Interessen ebenfalls zu artikulieren und über Wahlen kann der notwendige Generationenwechsel gesichert sein.

Die Gründung von „Athleten Deutschland e.V.“ hat mit diesem alltäglichen Zusammenspiel zwischen Athleten und den Sportorganisationen ganz offensichtlich nur auf äußerst indirekte Weise, möglicherweise auch gar nichts damit zu tun. Den neuen Athleten-Funktionären von „Athleten Deutschland e.V.“ geht es vorrangig um ganz andere Anliegen. Ihre Trainings- und Lebensbedingungen sind, folgt man ihren Klagen, schwierig und oft nicht ausreichend. Eine Planung der Karriere nach dem Sport scheint problematisch zu sein oder findet oft gar nicht statt. Die Honorierung ihrer Leistungen ist oft unzureichend, die neue Spitzensportkonzeption des DOSB und des Bundesminister des Inneren wird den Interessen der Athleten angeblich nicht ausreichend gerecht. Die Situation der Spitzensportler, so ihr neuer Vereinspräsident Hartung, ist ausgesprochen schwierig geworden. Die bestehende Organisationsform einer Athletenkommission ist für die Interessenvertretung nicht mehr ausreichend. Professionalität ist gefragt. Eine ehrenamtliche Athletenvertretung wird diesen Herausforderungen nicht gerecht.

Die Forderung nach einer professionellen Geschäftsstelle mit drei hauptamtlichen Mitarbeitern ist angesichts dieser Problemstellung naheliegend, der erforderliche Etat von ca. 400.000 Euro zur professionellen Bearbeitung scheint vernünftig kalkuliert zu sein. Die Ziele, die sich der neue Verein gesetzt hat, sind relevant und können durchaus unterstützt werden. Für jemanden der lange genug auf beiden Seiten als Athlet und Wettkämpfer und als Funktionär und Organisator mitgewirkt hat, bleiben dennoch einige Fragen offen. Die von DOSB-Präsident Hörmann und Generaldirektor Vesper vorgetragenen Anmerkungen zur Gründung von „Athleten Deutschland e.V.“ sollten zumindest zur Kenntnis genommen werden. In Bezug auf die Mitbestimmungsmöglichkeiten von Athletinnen und Athleten in den Organisationen des deutschen Sports muss zunächst gefragt werden, warum die jahrzehntelangen Bemühungen der Athleten um eine Mitbestimmung in den Sportarten und Sportverbänden nahezu durchgängig gescheitert sind. Wer weiß, wie schnell der Totalisierungsprozess des Hochleistungssports fortgeschritten ist, der weiß, welche außergewöhnlichen Ansprüche an die sportlichen Höchstleistungen herangetragen werden. In vielen Sportarten sind Doppelkarrieren längst nicht mehr möglich. Hochleistungssport bedeutet Beruf auf Zeit, Trainingspensen, die über die normalen Arbeitszeiten hinausgehen, sind in vielen olympischen Disziplinen üblich, die zeitliche Limitierung für eine engagierte ehrenamtliche Mitarbeit ist offensichtlich. Deshalb ist eine Interessenvertretung durch noch aktive Athleten eher die Ausnahme als die Regel. Fast in allen Sportarten sind Athletensprecher ehemalige Athleten, die aber sehr schnell die Rolle des Funktionärs einnehmen. Eine Orientierung an den eigentlichen Interessen der Athleten wird dabei aus naheliegenden Gründen nur noch sehr bedingt erfüllt. In den Athletenkommissionen der internationalen Verbände sitzen meist Athleten, die sich nur sehr unzureichend auf ein imperatives Mandat in der Athletenschaft berufen können. Je länger sie Mitglieder einer nationalen oder internationalen Athletenkommission sind, desto häufiger verfolgen sie Eigeninteressen, desto mehr ist aus dem „Athlet“ ein „Funktionär“ geworden. Ein reger  Interessensaustausch zwischen Athleten und ihren Sprechern findet nur ganz selten statt. Beobachtet man auf nationaler Ebene die Mitbestimmung durch Athleten, so haben sie oft wohl Sitz und Stimme in Präsidien, nehmen diese aber nur höchst selten wahr. Sind sie bei Sitzungen anwesend, so sind die meisten Tagungsordnungspunkte in einer Präsidiumssitzung eines Sportfachverbandes für Athletensprecher irrelevant und ohne Interesse. Die Motivation zu einer aktiven Mitarbeit ist meist sehr schnell verbraucht und in Verbänden, in denen die Verbandsarbeit gut organisiert ist, ist die Relevanz der Athletenmitbestimmung gering. Angesichts solcher Erfahrungen scheint die Möglichkeit zur Athletenvertretung in Verbänden nur begrenzt zu sein. Diese Begrenzung wird sich auch bei der neu gefundenen Form der Athleteninteressensvertretung sehr schnell abzeichnen.

Das noch größere Problem mit dem der neue Verein konfrontiert sein wird, ist in der Heterogenität der Athletenschaft selbst zu sehen. Heute kann man nur sehr bedingt von gemeinsamen Athleteninteressen sprechen. Dies wird insbesondere deutlich, wenn man offen und ehrlich über die Honorierung der sportlichen Leistungen spricht. Wer bessere Bezahlung fordert, der muss sich auch mit der Frage auseinandersetzen, ob es nicht Sportarten und Athleten gibt, die viel zu hoch dotiert sind und ob es nicht Umverteilungsmechanismen geben müsste, wenn noch von einer Solidarität der Athletenschaft die Rede sein soll. In Bezug auf die Trainingsbedingungen unterscheiden sich die Sportarten ebenfalls erheblich und was die Professionalität des Trainingspersonals betrifft, so können die Unterschiede kaum gravierender sein. Die Probleme der Athletenschaft stellen sich meist nicht als übergeordnete Probleme, sondern fast immer als Probleme in ihren jeweiligen Sportarten dar. Sie müssen deshalb vorrangig und vor allem mit ihren eigenen Organisationen verhandelt werden, das heißt mit ihren eigenen Fachverbänden. Ob dies und wie dies von einer übergeordneten Athletenvertretung geleistet werden soll und kann scheint mehr als fraglich zu sein.

Wer die Interessen der Athleten im Blick hat, der darf die Interessen der Trainer und Übungsleiter nicht übersehen. Wer weiß, wie komplex die Hochleistungssportstrukturen geworden sind, der weiß auch um die finanziellen Kosten dieser Strukturen. Um den Athleten bessere Bezahlung und eine vermehrte Absicherung zu ermöglichen, müssten die Athleten auch die vielen Vorleistungen beachten, die ihren sportlichen Spitzenleistungen zugrunde liegen. Die Vereinsarbeit an der Basis ist nicht kostenlos. Kinder- und Jugendarbeit muss finanziert werden. Ein dauerhafter Wettkampfbetrieb bedarf einer personellen Kampf- und Schiedsrichterstruktur. Talente werden an Stützpunkten gefördert. Die Reise- und Unterbringungskosten für die Kaderathleten zu Trainingslagern und zu Wettkämpfen sind erheblich. Die Reihe der Vorleistungen, auf die erfolgreiche Athleten wie selbstverständlich zurückgreifen können, lässt sich unendlich fortschreiben. Von einer solidarischen Beteiligung an den Kosten eines differenzierten Wettkampfsystems durch erfolgreiche Athleten kann hingegen bis heute nicht gesprochen werden. Wer weiß, von welchen geringen Aufwandsentschädigungen Trainer und Übungsleiter zu leben haben und die dabei dennoch die Spitzensportler ganztägig betreuen und zur Verfügung stehen, der muss auch die Frage nach der Angemessenheit der jeweiligen Forderungen stellen, die heute in den Massenmedien und im Namen der Athletenschaft oft auf populistische Weise gestellt werden. Schließlich darf bei dieser Problematik auch die meist sehr fragwürdige Rolle der sogenannten Athletenmanager nicht vergessen werden. Nicht selten wäre auch diesbezüglich eine Emanzipation der Athleten wünschenswert. Wenn eine gerechte Dotierung von erbrachten Leistungen gefordert wird, so braucht sich die große Mehrheit der Funktionäre im Vergleich zu den Athletenmanagern ganz gewiss nicht infrage stellen.

Der Verein „Athleten Deutschland e.V.“ hat seinen Finger in Wunden des Hochleistungssports in Deutschland gelegt, die ohne Zweifel existieren. Ob der Verein zukünftig zur Lösung der damit angesprochenen Probleme einen Beitrag leistet, muss sich erweisen. Unterstützung durch die Sportorganisation hat er verdient. Erbringt er einen Beitrag zu einer neuen Solidargemeinschaft des Hochleistungssports, so könnte die Vereinsgründung ein Meilenstein sein.

Verfasst: 25.10.2017