Ein Plädoyer für IOC-Präsident Thomas Bach

Das Essay „IOC Präsident Dr. Bach-Buhmann der Nation“ ist auf großes Interesse gestoßen und hat viele Rückmeldungen hervorgerufen. Beachtenswert waren dabei unter anderem der nachfolgende Beitrag von Rainer Hipp, ehemals Geschäftsführer des Landesportverbandes Baden-Württemberg. Wir glauben, dass sein Gastbeitrag für die Leser unseres Magazins „sport-quergedacht.de“ von Interesse sein kann.

Die Redaktion

Ein Gastbeitrag von Rainer Hipp

Vorbemerkung:

Wenn sich alle für oder gegen einen verschwören, regt sich bei dem Schreiber der nachfolgenden Zeilen Widerspruch. Genetisch bedingt oder durch Sozialisation, bisher nicht nachweisbar.

So bei Thomas Bach, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).In deutschen Medien, von deutschen aktiven und ehemaligen Athleten und Funktionären wurde und wird Bach während und nach der Entscheidungsphase über die Olympischen Spiele 2020 in Tokio aufs Heftigste angegriffen, ja beschimpft. Eine der stärksten Anklagen kam vom Ehrenpräsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und Leitenden Oberstaatsanwalt Clemens Prokop aus Regensburg. Aber dazu später mehr.

Medien

Besonders die von mir geschätzte Süddeutsche Zeitung (SZ), DIE ZEIT und mein Heimatzeitungsverbund Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten attackierten Bach mit einer Schärfe, die ihresgleichen in der deutschen Sportberichterstattung sucht. Demzufolge ist die Resonanz bei den Rezipienten. Selbst im Freundes- und Bekanntenkreis reichten die Beleidigungen des IOC-Präsidenten von der Fäkalsprache bis zum gehobenen Unmut. Bei der SZ hat die „Unperson“ Bach einerseits Tradition, andererseits ist die Kontinuität der Bach-Kritiker bemerkenswert. Obwohl zumindest zwei der Sportredakteure, die in den vergangenen Tagen in Podcasts und Zeitungsartikeln Bach und das IOC der Hinhaltetaktik , der Sturheit,Trotzigkeit und Unwissenheit bezichtigt haben, am Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen eine ordentliche Ausbildung erfahren haben. Doch sie vermitteln mit den anderen Sportjournalisten aus Print-und elektronischen Medien den Eindruck, da sitze in Lausanne am Genfer See ein Alleinherrscher, der den Daumen je nach Laune und Lage senke und hebe. Dabei hat das IOC einen 15 köpfigen Vorstand mit einem Generaldirektor. Dazu berät unter anderen die Rechtskommission (sieben Personen plus Direktor für Rechtsangelegenheiten) unter Vorsitz des Australiers John D.Coates den Vorstand und damit auch den Präsidenten in einer solchen Angelegenheit.

Bei der Berichterstattung über Durchführung , Absage oder Verschiebung der Spiele in Tokio war von der Beratung mit diesen Organen oder den 206 Nationalen Olympischen Komitees und den 33 internationalen Sportfachverbänden keine Rede. Ganz zu schweigen von den Abstimmungen mit dem Organisationskomitee, der Ausrichterstadt Tokio, der Regierung Japans, den Fernsehrechteinhabern, den Sponsoren und den Versicherungen. Die Kritik in Deutschland richtete sich einzig und allein an den Präsidenten Thomas Bach. Rechtsbeziehungen, Verträge, Regressansprüche sind für Sportjournalisten unbekanntes und zu vernachlässigendes Terrain. Verwunderlich ist das deshalb, weil es in jeder Redaktion Juristen oder gar eine Rechtsabteilung gibt, die den Kollegen in rechtlichen Fragen gerne Hilfestellung geben.

Die Athleten

Plötzlich entdeckten Sportjournalisten und der Deutschen Olympische Sportbund (DOSB) ihr Herz für die „armen deutschen Athleten“. Ihnen galt das volle Mitgefühl und Mitleid. Die Sportler seien enormen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt, die Ungewissheit zehre an der Psyche, es gebe keine Planungssicherheit, manche Athletenexistenz sei bedroht, Motivationsprobleme, etc. Man muß sich vergewissern, die deutschen Athleten betreiben ihren Sport freiwillig. Niemand zwingt sie. Sie sind keine Arbeitnehmer der Fachverbände oder des DOSB. Sie müssen nicht zu den Olympischen Spielen. Aber die Lamentos der Sportler waren nicht zu überhören: siehe oben, unfaire und ungleiche Voraussetzungen, das Doping-Kontrollsystem ist weltweit zusammengebrochen, Trainingsstätten sind gesperrt, die Olympiastützpunkte geschlossen. Da verwundert es schon, wenn die Ringer-Weltmeisterin Aline Rotter-Focken am Donnertstag dem 26.März in der Südwest-Presse (Ausgabe Neckarquelle Villingen-Schwenningen) berichtet, sie sei am vergangenen Montag aus dem Trainingslager in Belek (Türkei) in ihre Wahlheimat Triberg zurückgekommen. Die Speerwerfer Johannes Vetter, Thomas Röhler und den Kugelstoßer Niko Kappel habe sie dort getroffen. Ein großes Thema wie in Deutschland sei die Ausbreitung des Coronavirus in den Tagen von Belek nicht gewesen. „Wir haben es dort genossen“, so die Ringerin. Die Ungleichheit der Trainingsbedingungen, so die deutschen Athleten, führe zu unfairen Wettkampfvoraussetzungen, es bestehe keine Chancengleichheit. Der Schreiber kann sich nicht erinnern, daß deutsche Athleten oder Sportjournalisten sich jemals zu ungleichen Trainingsbedingungen in Kriegsgebieten wie Syrien, Afghanistan, Jemen oder von Epedemien heimgesuchte afrikanische Länder geäußert haben.

Persönliche Betroffenheit

Angenommen, das IOC unter Leitung von Thomas Bach und Tokio hätten schon im Februar oder Anfang März – in China und Südkorea war die Pandemie voll ausgebrochen – die Olympischen Spiele 2020 ganz abgesagt oder die Verschiebung vorgenommen. Der Aufstand der Obengenannten wäre genauso groß gewesen: Den Athleten wird eine Lebenschance genommen, sie werden ihrer Existenz beraubt, autoritäre Entscheidung von oben, etc. Wo waren die warnenden Stimmen der Athleten, der Sportjournalisten und IOC-kritischen Funktionäre zu dieser Zeit ? Die Stimmen wurden erst laut, als die persönliche Bertroffenheit eingekehrt ist.

Erstaunlich und widersprüchlich ist, wieviel Toleranz gegenüber dem Bundesligafußball aufgebracht wird: Dagmar Freitag (Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestages):„Der Imageschaden im Fußball wird sich in Grenzen halten“. Zuerst die Verschiebung der Partien auf 19.April, jetzt auf 30.April. Die Kritik an der Deutschen Fußball Liga und ihrem Geschäftsführer Christian Seifert bleibt aus. Die Forderung, die Saison 2019/2020 zu beenden hört und liest man nirgendwo. Da wird auf die Spielordnung, verbandsrechtliche und ökonomische Gründe verwiesen. Diese gelten für das IOC und die Olympischen Spiele noch in verstärktem Maße. Selbst in Zeiten der Pandemie scheint – zumindest in Europa – die Allmacht des Ligafußballs zu obsiegen. Auch Christian Prudhomme, der Direktor der Tour de France, bleibt von Kritik verschont, obwohl die im Juli geplante Tour bisher nicht abgesagt wurde. Kleines Szenario: Thomas Bach wäre der Verantwortliche für die Rundfahrt in Frankreich!

Verantwortung und Ego

Das Angenehme am Status des (Sport-) Journalisten und am Dasein des Athleten ist , sie sind von jeder Last der Verantwortung befreit. Sie haften für nichts, es werden keine Regressansprüche geltend gemacht, sie können sanktionsfrei Personen und Institutionen angreifen. Und sie schenken sich gegenseitig das Gehör, das ihnen genehm ist. Der Athlet steht sich selbst am Nächsten. Je erfolgreicher, desto stärker ist das Ego ausgeprägt. Das ist nicht verwerflich und gilt in allen gesellschaftlichen Bereichen für die „Winnertypen“. Kritisch wird es, wenn sie die vergessen, die ihnen zu dem Erfolg verhelfen oder verholfen haben. Natürlich sind die Sportler die (Haupt-) Darsteller bei den Olympischen Spielen. Aber ohne die vom IOC gewährte Plattform der Olympischen Spiele könnten die Athleten ihre Leistung nicht zeigen und erfolgreich sein. Kein Künstler auf der Welt reüssiert ohne Bühne. Das beinhaltet die mediale Resonanz und daraus folgernd, die Vermarktung der Erfolgs. Der Verfasser hat größte Bedenken, ob eine Selbstorganisation der Athleten eine solche Veranstaltung wie die Olympischen Spiele stemmen könnte. Die einzelnen Sportarten und internationalen Fachverbände haben auch Weltmeisterschaften, doch für einen Individualsportler sind die Olympischen Spiele der Höhepunkt: Olympiasieger bleibe ich lebenslang, Weltmeistertitel sind vergänglich. Man schaue nur auf die inflationäre Entwicklung der jährlichen Biathlon-Weltmeisterschaften. Gerne beklagt wird von den Athleten die mangelnde Mitbestimmung -speziell auch im IOC. Es gibt die demokratisch gewählte Athletenkommission im IOC, deren Aufgaben und Möglichkeiten präzise definiert sind. Begeben sich die Athletenvertreter dann nicht in Opposition zu dem Präsidenten, wie im Falle der Verschiebung von 2020 auf 2021 die Olympiasiegerin Britta Heidemann aus Deutschland, dann wird sie von hiesigen Journalisten und einigen ihrer Athletenkollegen als „Bachs Hofschranze“ tituliert. Es passt halt nicht in das Bild, wenn man für Bach ist.

Der Funktionär Bach

„Der Sport hat ein Funktionärsproblem, deren beinahe gewollte Weltfremdheit wurde in Krisenzeiten nun für alle besonders spürbar.“ Diese von einem Juristen so abgewogene und analytische Aussage machte der Berliner Rechtsanwalt Fabian Reinholz in einem ZEITONLINE-Artikel vom 25.März zu der Verschiebung der Spiele in Tokio. Der Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz wird dabei als Sportrechtsexperte bezeichnet, das wird das Geheimnis des ihn zitierenden ZEIT-Redakteurs bleiben. Der Funktionär Bach – schon ist das Urteil gesprochen, ohne Ermittlung und Begründung. Es wird tausendfach kolportiert und geglaubt. Nur was wird geglaubt?

Thomas Bach ist promovierter Jurist. Er hat in Tauberbischofsheim eine Anwaltskanzlei. Neben Deutsch spricht Bach Spanisch, Französisch und Englisch. 1976 wurde er bei den Olympischen Spielen in Montreal Olympiasieger mit der Florett-Mannschaft. 1981 wurde er Mitglied der IOC-Athletenkommision. Im Mai 2006 zum Präsidenten des DOSB gewählt. Nach seiner Wahl am 16.September 2013 zum IOC-Präsidenten trat er von diesem Amt zurück. Wer kann solch eine Vita von den Kritikern vorweisen. Die Begriffe „Funktionär“ und „Apparat“ haben bei den allermeisten Bürgern einen ausgesprochen schlechten Ruf. Das gilt beinahe weltweit. Es handelt sich dabei um einen „systemunabhängigen“ Begriff. „Verkrustete Apparate“ und „eitle Funktionäre“ sind Synonyme für Dachorganisationen des Sports oder für Gewerkschaften. Das bringen auch jene Politiker zum Ausdruck, die seit Jahr und Tag selbst nichts anderes sind als Funktionäre. Diese Schizophrenie kommt derzeit besonders zum Ausdruck: Keine (politische)Ordnung kann auf Funktionäre und Apparate verzichten. Ohne sie würde das gesellschaftliche Leben völlig auseinanderbrechen und letztlich zum Stillstand kommen.

Prokop und Freitag

Und nun zu der eingangs erwähnten Stimme aus Regensburg. Der Schreiber hat zu dieser Stadt eine spezielle Affinität: Er hatte dort eine komplizierte Operation im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Aber von Barmherzigkeit konnte keine Rede sein bei den Kommentaren von Clemens Prokop zu Thomas Bach und dem IOC. In welcher Funktion er in den letzten Tagen interviewt wurde ist unklar: Als Ehrenpräsident des DLV oder als Vorsitzender des Vereins „Freunde des Regensburger Domchores“. Jedenfalls ging der Leitende Oberstaatsanwalt hart ins Gericht mit Thomas Bach und dem IOC. Bach hält er als Krisenmanager für ungeeignet und ignorant, „Thomas Bach hat sich an den Interessen der Athleten versündigt“. Das IOC betreibe derzeit jedenfalls das Gegenteil von einem verantwortungsvollen Krisenmanagement. Im Hinblick auf die Corona-Krise unterstellt er Naivität und gar Dummheit. Assistiert von der ihm nicht unbekannten Vorsitzenden des Bundestags-Sportausschusse Dagmar Freitag (SPD). Sie bezichtigt Bach des zweimaligen Führungsversagens (russisches Staatsdoping und Verlegung der Olympischen Spiele). Ihr weiterer Vorwurf lautet : „Wenn die Dachorganisation des Weltsports welche Erwägungen auch immer über die Gesundheit von Tausenden von Athleten und Fans stellt, ist das schlichtweg unentschuldbar und für die Organisation ein Desaster, das zwangsläufig die Frage nach der Führungsstärke des Präsidenten und seines engsten Umfeldes aufwirft“. Die Vorsitzende des Sportausschusse des Deutschen Bundestages unterstellt demnach Thomas Bach und dem IOC, so meine Interpretation, ökonomische und rechtliche Erwägungen gegenüber der Gesundheit von Athleten und Zuschauern zu präferieren. Ob diese Anklage vor Gericht Bestand hätte? Das könnte der ehemalige Direktor des Amtsgerichtes Regensburg, Clemens Prokop, sicher beantworten.

(Sport-) Politische Kultur

Auffällig in den Angriffen gegen Thomas Bach ist die Uniformiertheit, die in einem „mainstream“ der Medien gegen den IOC-Präsidenten endet. Der Schreiber hat sich die Mühe gemacht, alle elektronischen- und Printmedien nach positiver Beurteilung von Bach zu durchsuchen, er wurde nicht fündig. Thomas Bach ist der Buhmann des Sports! Bertolt Brecht hat 1935 eine größere Arbeit über die „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ veröffentlicht. Einleitend heißt es: „Wer heute die Lüge und Unwissenheit bekämpfen und die Wahrheit schreiben will, hat zumindest fünf Schwierigkeiten zu überwinden. Er muß den Mut haben, die Wahrheit zu schreiben, obwohl sie allenthalben unterdrückt wird; die Klugheit, sie zu erkennen, obwohl sie allenthalben verhüllt wird; die Kunst, sie handbar zu machen als eine Waffe; das Urteil, jene auszuwählen, in deren Hände sie wirksam wird; die List, sie unter diesen zu verbreiten.“

Verantwortliche und Medien sollten endlich damit beginnen, möglichst objektiv über die prinzipielle Notwendigkeit von Dachorganisationen des Sports und ihrer Funktionäre aufzuklären, was – allseits – geübte Kritik einschließt. Das wäre ein wichtiger Beitrag zur (sport-) politischen Kultur in Deutschland.


Rainer Hipp war 23 Jahre Hauptgeschäftsführer des Landessportverbandes Baden-Württemberg.