Entwicklung der Sportverbände – Ein selbstkritischer Blick wäre wünschenswert

Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland kann der organisierte Sport auf eine beispiellose Erfolgskarriere zurückblicken. Die Turn- und Sportvereine, die die Basis des deutschen Sportsystems bilden, haben sich dabei als besonders attraktiv erwiesen. Nahezu ausnahmslos sind ihre Mitgliederzahlen kontinuierlich angestiegen. Die Vereine konnten ihr Sportangebot erweitern und wurden auf diese Weise den vielfältigen Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger gerecht, die diese an ein wünschenswertes Sportangebot herangetragen haben. Die Dachorganisationen der Turn- und Sportvereine, die Bezirkssportbünde, die Landessportbünde und der Deutsche Olympische Sportbund haben ihr Dienstleistungsangebot zugunsten der Vereine kontinuierlich entwickelt. Eine verantwortungsvolle Personalentwicklung hat dazu geführt, dass in fast allen Vereinen haupt- und ehrenamtliches Personal in qualifizierter Weise arbeiten, um auch den zukünftigen Herausforderungen gerecht zu werden. In politischen Reden wird fast immer auf die bemerkenswerten statistischen Zahlen verwiesen, die die allgemeine Sportentwicklung in Deutschland kennzeichnen, um die Verantwortlichen des Sports zu loben, gleichzeitig aber auch die eigene politische Leistung hervorzuheben. Besonders gern wird dabei auf den ungewöhnlich hohen Organisationsgrad verwiesen, der mit mehr als 30 Prozent von keiner anderen freiwilligen Gemeinschaft in unserer Gesellschaft erreicht wird. Die immer wieder so gerne zitierten allgemeinen Daten zur Sportentwicklung sind ohne Zweifel beachtlich. Doch gleichzeitig unterliegen diese Daten der Gefahr, dass sie trügen, dass spezifische Entwicklungen über die allgemeinen Daten nicht erkannt werden und dass vor allem verkannt wird, dass von einer generellen positiven Entwicklung des Sports in Deutschland nicht gesprochen werden kann. Organisatorisch weist der Sport eine außergewöhnliche Vielfalt auf, die sich nicht nur positiv deuten lässt. Problematisch sind beispielsweise Unterschiede, wie sie im Vergleich der Sportverbände untereinander und im Vergleich der Bundesländer anzutreffen sind. Werfen wir einen genaueren Blick auf den Organisationsgrad der Bevölkerung, so müssen wir erkennen, dass der Durchschnittswert von 33,21 Prozent in der Einzelbetrachtung von 13,73 bis 36,99 Prozent variiert. Saarland (36,99%), Rheinland-Pfalz (34,91%), Baden-Württemberg (34,13%), Bayern (34,04%), Hessen (33,51%) und Niedersachsen (33,28%) dominieren die Rangliste. Am Ende der Rangliste befinden sich Brandenburg (13,73%), Mecklenburg-Vorpommern (15,56%), Sachsen-Anhalt (15,57%), Sachsen (16,09%) und Thüringen (17,17%) (vgl. DOSB Bestandserhebung, 2017).

Diese Ungleichheit in Bezug auf die Mitglieder in den Vereinen findet sich auch in den Mitgliederstatistiken wieder, wenn man die alten und die neuen Bundeslänger vergleicht. Bei einem Vergleich der Mitgliedszahlen aus dem Jahr 2000 mit den Mitgliedszahlen aus dem Jahr 2017 wird die Dominanz der alten Länder gegenüber den neuen Ländern in diesem Zeitraum so gut wie nicht geschwächt. Allerdings muss man feststellen, dass mittlerweile auch in den alten Bundesländern die Mitgliederentwicklung brüchig geworden ist. So haben in dem Zeitraum 2000 bis 2017 die Länder Bremen (-15.686), Hessen (-17.374), Niedersachsen (-160.014), Rheinland-Pfalz (-75.961), Saarland (-75.095), Schleswig-Holstein (-101.184) Mitglieder verloren. In den meisten neuen Bundesländern ist hingegen ein Mitgliederanstieg zu verzeichnen. Dies gilt insbesondere für Brandenburg (+68.248), Sachsen (+137.977) und Mecklenburg-Vorpommern (+55.500). In den alten Bundesländern ist vor allem in Bayern (+211.108), Baden-Württemberg (+118.919), Berlin (+107.113) und NRW (+150.568) die Mitgliederentwicklung positiv (vgl. Tab. 1).

LSB2000200220052008201120142017
Neue Bundesländer
Brandenburg274.333278.917282.397301.977315.876323.781342.581
Mecklenburg-Vorpommern195.075199.280210.668225.082230.296238.622250.575
Sachsen518.600508.887519.594552.256577.645611.345656.577
Sachsen-Anhalt374.408375.663378.692362.881328.840336.620348.082
Thüringen356.870357.958357.748359.746370.883366.142370.579
Alte Bundesländer
Baden-Württemberg3.618.6643.679.0063.733.9933.769.9103.763.2193.714.5173.737.583
Bayern4.190.0304.204.6684.166.1044.284.5884.275.0754.334.3864.401.138
Berlin535.112536.948543.944549.320579.255607.809642.225
Bremen168.612166.975161.781161.128165.458162.773152.926
Hamburg484.800491.214489.844511.650540.272574.655522.298
Hessen2.099.1742.101.0922.079.1442.069.6702.066.9732.039.8712.081.800
Niedersachsen2.804.1932.886.4222.845.9852.816.6972.756.1692.693.1262.644.179
Nordrhein-Westfalen4.915.7024.952.1335.075.4235.064.7695.051.6415.076.1155.066.270
Rheinland-Pfalz1.495.5971.500.7241.483.7221.482.1431.461.9441.439.9271.419.636
Saarland443.710443.984452.306411.815395.937377.507368.615
Schleswig-Holstein883.079885.256865.925847.674824.717793.834781.895

Tab. 1: Mitgliederentwicklung (Gesamt) in den LSB der alten und neuen Bundesländer zwischen 2000 und 2017 (DOSB Bestandserhebungen)

 

Es kommt in dem genannten Zeitraum aber nicht nur zu Veränderungen in der Mitgliederentwicklung. Auch die Anzahl der Vereine in den einzelnen Bundesländern bedarf dabei einer genaueren Betrachtung. Auch hier gibt es Anzeichen, dass es in den alten Bundesländern Verwerfungen gibt, die einer besonderen Erklärung bedürfen. So verlieren Bremen (-40), Hessen (-106), NRW (-1.596), Rheinland-Pfalz (-50), Saarland (-104) und Schleswig-Holstein (-112) Vereinseinheiten. Hingegen gewinnen Bayern (+631), Baden-Württemberg (+367), Berlin (+406), Brandenburg (+434), Hamburg (+48), Mecklenburg-Vorpommern (+190), Niedersachsen (+435), Sachsen (+711), Sachsen-Anhalt (+309), Thüringen (+314) eine beachtliche Anzahl von Vereinseinheiten hinzu (vgl. Tab. 2).

LSB2000200220052008201120142017
Neue Bundesländer
Brandenburg2.5862.6992.8252.9172.9832.9673.020
Mecklenburg-Vorpommern1.7161.8261.8671.8941.9001.9061.906
Sachsen3.7513.8834.1614.3954.4794.5334.462
Sachsen-Anhalt2.8443.0073.1963.2273.1633.1423.153
Thüringen3.1103.2673.3993.4483.4773.4343.424
Alte Bundesländer
Baden-Württemberg11.00511.13511.28911.40911.46011.39911.372
Bayern11.31511.40011.54611.87812.11312.04411.946
Berlin2.0372.0532.0661.9102.2362.4272.443
Bremen435427428447417414395
Hamburg773770787772793802821
Hessen7.7807.8047.7697.7697.7827.7547.674
Niedersachsen9.0859.4279.4549.5489.7119.6759.520
Nordrhein-Westfalen20.27520.15319.95919.95119.59219.29218.679
Rheinland-Pfalz6.1846.2496.2586.2986.3036.2816.134
Saarland2.1732.1692.1752.2072.1442.1162.069
Schleswig-Holstein2.6882.6912.6912.7052.6972.6162.576

Tab. 2: Entwicklung der Vereinszahlen in den LSB der alten und neuen Bundesländer zwischen 2000 und 2017 (DOSB Bestandserhebungen)

 

Ein genauerer Blick in Bezug auf die Mitgliederentwicklung in Abhängigkeit zu den verschiedenen Altersgruppen ist ebenfalls lohnend. Von Interesse ist dabei vor allem die Altersgruppe von 15-18 Jahre. In diesem Alterszeitraum scheinen besonders häufig die Entscheidungen zu fallen, ob jemand eine eingegangene Mitgliedschaft in einem Sportverein weiterentwickelt oder ob er sich neuen Interessen zuwendet. Seit dem Jahr 2000 sind dabei erhebliche Verluste bei den männlichen Jugendlichen in Baden-Württemberg, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen zu beobachten. Bei den weiblichen Jugendlichen sind es vor allem die Bundesländer Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. Die höchste Einbuße in diesem Zeitraum weisen bei den männlichen Jugendlichen Sachsen-Anhalt (-17.322), Thüringen (-14.603), Sachsen (-13.697), NRW (-11.204), Rheinland-Pfalz (-10.165), Niedersachsen (-10.094), Brandenburg (-8.124), Mecklenburg-Vorpommern (-6.053) und Hessen (-5.120) auf. Bei den weiblichen Jugendlichen sind es Thüringen (-4.906), Sachsen-Anhalt (-4.367), Niedersachsen (-4.256), Brandenburg (-1.693) die überdurchschnittlich viele Mitglieder verlieren. Eine heile Welt scheint lediglich Bayern aufzuweisen. Dort sind für diesen Zeitraum bei den ausgewählten Altersgruppen Zuwächse von +14.098 männlichen bzw. +9.971 weiblichen Mitgliedern zu verzeichnen (vgl. Tab. 3).

LSB2000 2005 2011 2017 
m (15-18J.)w (15-18J.)m (15-18J.)w (15-18J.)m (15-18J.)w (15-18J.)m (15-18J.)w (15-18J.)
Baden-Württemberg175.961116.568184.232123.748189.747130.863169.329116.775
Bayern209.793132.109223.271140.917238.102151.866223.891142.313
Berlin29.16713.63627.69213.11024.04211.12928.95014.080
Brandenburg24.63410.71522.80910.85212.8256.53616.5109.022
Bremen6.9864.4797.2814.3497.6724.5337.3134.107
Hamburg17.72211.08316.1959.64919.67711.56120.70710.887
Hessen96.10864.21194.25263.30994.02365.17990.98861.295
Mecklenburg-Vorpommern17.4018.68917.3878.8018.8124.60111.3486.196
Niedersachsen130.31496.701129.57697.158129.39598.601120.22092.445
Nordrhein-Westfalen250.539153.504255.553154.784260.701164.010239.335150.482
Rheinland-Pfalz73.15745.93171.77747.24071.51447.37562.99242.325
Saarland20.17312.88120.19013.68118.62912.96815.15810.078
Sachsen43.08420.39139.56119.98422.09311.93029.38716.671
Sachsen-Anhalt32.55712.70528.42311.95913.1937.08515.2358.338
Schleswig-Holstein40.37830.03340.60130.32640.65331.40236.71728.825
Thüringen31.30513.82127.19212.49313.8756.66716.7028.915

Tab. 3: Mitgliederentwicklung in der Altersgruppe 15-18 Jahre in den LSB im Zeitraum zwischen 2000 und 2017 (DOSB Bestandserhebungen)

 

Ausnahmslos alle Bundesländer sind von Mitgliederverlusten in der Altersgruppe von 27-40 Jahren betroffen. Hier verliert selbst Bayern -165.341 männliche und -151.157 weibliche Mitglieder. Ähnlich drastisch sind die Verluste in Baden-Württemberg (m: -146.442, w: -107.325), Niedersachsen (m: -141.691, w: -111.498), NRW (m: -158.136, w: -149.598) (vgl. Tab. 4).

LSB2000 2005 2011 2017 
m (27-40J.)w (27-40J.)m (27-40J.)w (27-40J.)m (27-40J.)w (27-40J.)m (27-40J.)w (27-40J.)
Baden-Württemberg452.051309.294378.942266.621300.593201.631305.609201.969
Bayern590.681387.512477.270307.730390.742231.198425.340236.355
Berlin89.84140.45677.21234.60368.78532.83579.77338.058
Brandenburg40.01018.50534.84416.13532.72314.06037.85815.995
Bremen19.29712.07417.69710.07414.6188.19113.7227.299
Hamburg66.54545.28068.12248.08560.32345.54249.10925.093
Hessen275.379189.703220.015159.914168.876123.642168.459120.682
Mecklenburg-Vorpommern27.44413.28625.93312.73424.58010.26929.62211.094
Niedersachsen334.503256.486278.459218.217203.399158.435192.812144.988
Nordrhein-Westfalen625.075398.309546.875347.816430.506254.486466.939248.711
Rheinland-Pfalz198.096128.363156.501106.331122.59281.442121.01978.279
Saarland61.93739.11156.12836.78235.75521.43033.12020.092
Sachsen76.75639.48366.12031.77963.58028.30578.45431.879
Sachsen-Anhalt59.79824.18253.75219.63835.76014.24239.35415.100
Schleswig-Holstein100.88184.47181.21669.75755.94947.84952.57243.886
Thüringen56.03224.23447.59320.09643.09516.63744.72117.394

Tab. 4: Mitgliederentwicklung in der Altersgruppe 27-40 Jahre in den LSB im Zeitraum zwischen 2000 und 2017 (DOSB Bestandserhebungen)

 

Eine durchgängig positive Mitgliederentwicklung lässt sich hingegen für die Altersgruppen ab 61 Jahren feststellen. Hier gibt es Bundesländer, die in dem Zeitraum von 2002 bis 2017 eine Verdopplung, ja eine Verdreifachung ihrer Mitgliederzahlen aufweisen können. Dies gilt für die weiblichen Mitglieder in gleicher Weise wie für die männlichen Mitglieder. So z.B. in Berlin (m: +32.736, w: +32.694) , Brandenburg (m: +19.333, w: +22.798), Mecklenburg-Vorpommern (m: +14.799, w: +18.001), Sachsen (m: +33.697, w: +45.703), Sachsen-Anhalt (m: +12.921, w: +26.308) und Thüringen (m: +20.407, w: +21.453). In den alten Bundesländern liegt der Zuwachs meist bei 50-60% (vgl. Tab. 5).

LSB2000 2005 2011 2017 
m (+61J.)w (+61J.)m (+61J.)w (+61J.)m (+61J.)w (+61J.)m (+61J.)w (+61J.)
Baden-Württemberg300.387125.435368.309179.544424.378228.363464.566268.536
Bayern271.223123.625341.039174.960396.757217.247450.820258.318
Berlin29.26820.26643.92232.41053.15242.28762.00452.960
Brandenburg11.7567.98018.15414.90624.28423.97131.08930.778
Bremen21.05815.63217.19014.58619.69415.97519.08915.366
Hamburg36.65826.68544.56934.97672.10944.50240.95331.951
Hessen168.34080.086204.341111.855230.352140.059251.048164.834
Mecklenburg-Vorpommern6.2846.10711.26212.15715.53818.44721.08324.108
Niedersachsen193.540123.585255.053172.655129.395204.769120.220230.482
Nordrhein-Westfalen349.182210.159430.412285.173477.700340.682296.119378.195
Rheinland-Pfalz117.69451.460138.35569.910154.08286.255172.121103.107
Saarland33.47020.30039.31126.68540.80728.40146.83330.865
Sachsen22.93921.60733.43235.14043.37650.27956.63667.310
Sachsen-Anhalt22.02814.29231.40225.23226.82930.10134.94940.600
Schleswig-Holstein57.63435.03273.63249.59481.99659.55982.38064.282
Thüringen16.29111.89622.60319.12030.20129.43636.69833.349

Tab. 5: Mitgliederentwicklung in der Altersgruppe +61 Jahre in den LSB im Zeitraum zwischen 2000 und 2017 (DOSB Bestandserhebungen)

 

Wirft man einen Blick auf die Entwicklung der Sportarten und damit auf die Entwicklung der Spitzensportverbände, so entsteht ebenfalls eher ein verwirrendes Bild, als das man von einem Erfolg sprechen könnte. Viele Sportarten erreichen ihre allgemeinen hohen Werte lediglich durch die Altersgruppe 41-60 Jahre. Hingegen weisen sie in der Altersgruppe 27-40 Jahre sowohl für Männer als auch für Frauen erhebliche Verluste auf. Interessant ist dabei vor allem, in wie fern es den Sportarten gelingt, Jugendliche nach der Pubertät an sich zu binden. Auch hier gibt es erhebliche Unterschiede. In der deutschen Leichtathletik zählte man beispielsweise im Jahr 2002 noch 70.785 männliche und 71.897 weibliche Mitglieder zwischen 27-40 Jahren. Im Jahr 2017 sind diese Zahlen auf 39.482 und 41.198 gesunken. Insgesamt hat der Deutsche Leichtathletik-Verband in diesem Zeitraum 46.664 Mitglieder verloren. Von 862.291 Mitgliedern ist die Mitgliederzahl auf 815.627 gesunken. Mit Tennis, Badminton, Schwimmen und Tischtennis gibt es Spitzenverbände, die vergleichsweise noch sehr viel höhere Mitgliedereinbußen aufzuweisen haben (vgl. Tab. 6).

 2002  2017  
m
(27-40J.)
w
(27-40J.)
Gesamt (alle Altersklassen)m
(27-40J.)
w
(27-40J.)
Gesamt (alle Altersklassen)
Deutscher Leichtathletik-Verband70.78571.897862.29139.482
(-44,22%)
41.198
(-42,7%)
815.627
(-5,41%)
Deutscher Tennis-Bund190.440137.1091.918.75292.995
(-51,17%)
60.176
(-56,11%)
1.391.986
(-27,45%)
Deutscher Badminton-Verband41.83027.485226.59023.676
(-43,4%)
13.159
(-52,12%)
187.464
(-17,27%)
Deutscher Schwimm-Verband39.00943.768644.18521.587
(-44,66%)
24.946
(-43,0%)
563.134
(-12,58%)
Deutscher Tischtennis-Bund117.85736.593688.03467.436
(-42,78%)
17.540
(-52,07%)
553.443
(-19,56%)

Tab. 6: Mitgliederentwicklung in ausgewählten olympischen Spitzenverbänden zwischen 2002 und 2017 (DOSB Bestandserhebungen)

 

Die einzelnen Landesverbände können dabei erhebliche Unterschiede aufweisen. Es lohnt sich beispielsweise einen Blick auf die Entwicklung der Sportarten Handball und Leichtathletik im bayerischen Landessportverband. Beide Sportarten verlieren bei den männlichen und weiblichen Jugendlichen im Zeitraum von 2008 bis 2017 durchgängig jugendliche Mitglieder. Im Handball sind es 13,4% der männlichen und 19,5% der weiblichen Mitglieder. In der Leichtathletik belaufen sich diese Zahlen auf 13,2% und 7,2% (vgl. Tab. 7). Es werden in diesem Zeitraum aber nicht nur jugendliche Mitglieder verloren. Auch ganze Vereinsabteilungen bzw. Vereine müssen als Verlust beklagt werden. So verliert der Handball 23 Vereinseinheiten und die Leichtathletik 13 im genannten Zeitraum (vgl. Tab. 8). Angesichts der allgemein positiven Entwicklungsdaten im Bayerischen Landessportbund kann mit diesen Daten verdeutlicht werden, wie notwendig eine differenzierte Auswertung der bestehenden Statistiken wäre und welch alarmierender Einblick in die tatsächliche Entwicklung einzelner Regionen und der verschiedenen Sportarten möglich sein kann. Selbstreflexion der betroffenen Verbände wäre dringend angebracht und es bedarf vor allem der erklärenden Deutung, mit was die verschiedenen Entwicklungen zusammenhängen und welche Möglichkeiten vorhanden sind, um gegen negative und Fehlentwicklungen vorzugehen.

LSB Bayern 2008
(15-18 J.)
2011
(15-18 J.)
2014
(15-18 J.)
2017
(15-18 J.)
Veränderung in %
Handballm8.0088.2858.0716.936-13,4
w6.9477.0186.3915.593-19,5
Gesamt14.95515.30314.46212.529-16,2
Leichtathletikm7.3266.9796.7056.356-13,2
w8.4158.4868.4337.806-7,2
Gesamt15.74115.46515.13814.162-10

Tab. 7: Mitgliederentwicklung in der Altersgruppe 15 bis 18 Jahre in den Sportarten Handball und Leichtathletik des LSB Bayern zwischen 2008 und 2017 sowie die prozentuale Veränderung über den gesamten Zeitraum (Statistiken des BLSV)

 

 2008201120142017
Handball499495479476
Leichtathletik1.3111.3021.2891.298

Tab. 8: Entwicklung der Vereinszahlen in den Sportarten Handball und Leichtathletik des LSB Bayern zwischen 2008 und 2017 (Statistiken des BLSV)

 

Ähnlich selbstkritisch sollte auch die Nutzung der übergeordneten Aus- und Weiterbildungsinstitutionen des deutschen Sports betrachtet werden. Die Entwicklung der gültigen Übungsleiterlizenzen ist dabei ebenso differenziert zu betrachten wie die aktuelle und zukünftige Entwicklung des Trainerpersonals. Dies gilt für die quantitative und qualitative Entwicklung gleichermaßen. Ein Blick auf die Absolventenzahlen der Trainerakademie in Köln muss dabei insofern verwundern, dass es zum Beispiel bei den Mannschaftssportarten erhebliche Unterschiede gibt. Die Rangliste der ausgebildeten Diplomtrainer in Deutschland wird vom Deutschen Skiverband mit 101 angeführt, gefolgt vom DLV (85). Bei den Mannschaftssportarten weist der Deutsche Hockey-Bund immerhin 66 ausgebildete Diplomtrainer auf, der Deutsche Volleyball-Verband 50, der Deutsche Basketball Bund hingegen nur 21 und der Deutsche Handballbund fragwürdige 10. Als niedrig zu bezeichnen sind auch die Ausbildungszahlen des Modernen Fünfkampfes (3), des Triathlons (5) und des Segelns (6) (vgl. Abb. 1).

Abb. 1: Gesamtzahl der Diplom-Trainer/innen des DOSB 2012
(„Das habe ich im Sport gelernt!“-Bericht, DOSB, 2013)

Angesichts der unterschiedlichen finanziellen und personellen Ausstattung der einzelnen Verbände können solche Differenzen nicht überraschen. Jeder einzelne Verband ist aufgerufen zu prüfen, inwiefern die ihn betreffenden Zahlen zufriedenstellen. Die erheblichen quantitativen Differenzen in den Stellenplänen der einzelnen Spitzenverbände sind nur bedingt zu erklären und die Frage nach der angemessenen Mittelverwendung stellt sich in grundsätzlicher Weise. Die hier relativ willkürlich ausgewählten Beispiele können allenfalls als Schlaglichter gedeutet werden, die die Organisation des deutschen Sports durch helleres Licht ersetzen müssten. Erst mit einem differenzierten Einblick in die tatsächliche Situation der Sportentwicklung kann die zukünftige Entwicklung des Sports in Deutschland verantwortungsvoll gesteuert werden.

Quellen:

Verfasst: 16.05.2018