Strukturen des Sports in Deutschland I


Dies ist der erste von drei Beiträgen über „Strukturen des Sports in Deutschland“. Im ersten Teil werden Organisationsstrukturen behandelt. Im zweiten Teil folgen Sozial- und Personalstrukturen des Sports. Der dritte Teil wird sich unter anderem Wettkampf- und Finanzstukturen, sowie dem Anti-Doping-Kampf widmen. Die weiteren Teile erscheinen in Kürze an dieser Stelle.


Vorbemerkungen

In der Welt des Sports spielt vor allem der deutsche Sport ohne Zweifel eine besondere Rolle. Er kann genau wie der Sport in England und Schweden auf eine lange und wirkungsvolle Tradition verweisen.

Abb. 1: Der Turnplatz Hasenheide um 1811

Eine kurze Übersicht der wichtigsten Stationen des deutschen Sports in seiner Entwicklung zeigt deutlich, wie vielfältig verankert er national und international ist.

Leibeserziehung und Schulsport

  • Für die Entwicklung der Leibeserziehung und für den Schulsport hat der deutsche Sport entscheidende Beiträge geliefert. Die Sporterziehung ist im deutschen Bildungssystem fest verankert.
  • Zusammen mit Schweden konnte Deutschland einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Gymnastikbewegung erbringen.

Sport und Gesellschaft

  • Seit 1950 hat sich im Verhältnis zur Politik die Autonomie der Sportorganisationen bewährt. In einer subsidiären Beziehung werden sie durch den Staat unterstützt. Doch immer ist der Sport zunächst auf seine eigenen Kräfte angewiesen. Erst wenn ihm aus eigenen Mitteln keine Lösungen mehr möglich sind, kommt der Staat zu Hilfe.
  • Der Sport befindet sich mittlerweile in einem intensiven Austauschverhältnis zu vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Besonders wichtig ist die Beziehung zur Politik, zur Wirtschaft, zu den Massenmedien und zum Bildungssystem. Für den Hochleistungssport spielt aber auch das Militär eine entscheidende Rolle.

Sport und Wissenschaft

  • Für die Entwicklung der wissenschaftlichen Reflexion über den Sport darf Deutschland eine bedeutende Rolle für sich in Anspruch nehmen.
  • Die medizinische Erforschung von Turnen und Sport im 19. Jahrhundert bildete die Grundlage für eine systematische Erforschung des Sports, an der sich mittlerweile mehr als zehn wissenschaftliche Disziplinen beteiligen.
  • Die Sportwissenschaft als eigenständige wissenschaftliche Disziplin wurde zuerst in Deutschland institutionalisiert und hat mittlerweile viele Nachahmer in der Welt gefunden.

Olympismus

  • Die Entwicklung der Olympischen Bewegung konnte auf die Unterstützung des deutschen Sports zurückgreifen.
  • Die heute in der Welt überall verbreitete olympische Sportart Kunstturnen ist auf die Wurzeln des deutschen Turnens zurückzuführen.
  • Deutsche Athletinnen und Athleten haben bei den Olympischen Spielen in der Vergangenheit große Erfolge erreicht.
  • Deutschland war in den vergangenen 200 Jahren selbst Ausrichter großer Turn- und Sportwettkämpfe, so sind vor allem die Olympischen Spiele 1972 zu erwähnen, die wohl als das schönste und gleichzeitig tragischste Sportereignis besondere Beachtung finden.

Verbandssystem im internationalen Vergleich

  • Der Deutsche Fußball-Bund ist heute der größte Fußballverband der Welt.
  • Die Rolle des größten Weltverbandes in ihrer Sportart übernehmen auch der Deutsche Handballbund und der Deutsche Leichtathletik-Verband.
  • Mit knapp 90.000 Vereinen und 27,4 Millionen Mitgliedern, dies entspricht einem Organisationsgrad von mehr als 33%, ist der Deutsche Olympische Sportbund die weltgrößte „Nongovernmental Organization“ auf dem Gebiet des Sports (Deutscher Olympischer Sportbund, 2018, S. 11). Ihm stehen Infrastrukturen des Sports zur Verfügung, wie sie in nur wenigen Ländern der Welt anzutreffen sind.

Die Situation, in der sich der deutsche Sport heute befindet, kann als überwiegend befriedigend bezeichnet werden. Er kann auf Strukturen setzen, die zukunftsweisend sind und die es auch in der weiteren Zukunft möglich machen, dass möglichst viele Menschen aktiv und passiv in das System des Sports eingebunden werden. Die aktive Sportpartizipation hat in Deutschland vorbildliche statistische Werte aufzuweisen, die „Sport für alle“-Initiativen, die seit 1950 entwickelt wurden, können als große Erfolge bezeichnet werden.

Diese günstige Situation muss allerdings angesichts der historischen Entwicklung des deutschen Sports in vieler Hinsicht überraschen. Für junge Sportnationen ist es wohl kaum nachvollziehbar, dass Deutschland zunächst ein entschiedener Gegner des modernen Sports gewesen ist. Dies ist vor allem auf das deutsche Turnen zurückzuführen, das im 19. Jahrhundert mit seiner Turnkultur ganz wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Gesellschaft genommen hat. Die Entwicklung des deutschen Sports war deshalb über eine Auseinandersetzung zwischen Turnen und Sport geprägt, die bis zum Jahr 1950 die Sportentwicklung bestimmte. Dabei stand ein fragwürdiger Nationalismus einem wünschenswerten internationalen Austausch entgegen.

Die Entwicklung des deutschen Turnens und des Sports war aber auch durch innenpolitische Kontroversen beeinträchtigt, die vor allem von sozialstrukturellen Unterschieden in der deutschen Gesellschaft geprägt waren. Mit der aufkommenden Industrialisierung kam es zu einer neuartigen Spaltung der Gesellschaft. Bourgeoisie und Proletariat standen sich konfrontativ gegenüber. Demokratiebemühungen standen im Gegensatz zu autoritären Strukturen. So gab es nicht nur den Gegensatz zwischen englischem Sport und deutschem Turnen. Der deutsche Sport war vielmehr in einen bürgerlichen Sport und in einen Arbeitersport aufgeteilt, und Gleiches konnte in Bezug auf das Turnen beobachtet werden. Hinzu kamen Konflikte, die durch unterschiedliche Glaubensgemeinschaften hervorgerufen wurden. So konnten in der Weimarer Republik neben den christlichen Sportgemeinschaften „Eichenkreuz“ und „Deutsche Jugendkraft“ noch zwei jüdische Sportgemeinschaften, „Makkabi“ und „Bund“ unterschieden werden.

Die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Ideologien des Turnens und des Sports wurden öffentlich ausgetragen. Sie führten zu eigenständigen Sportorganisationen und zu gefährlichen politischen Konfrontationen. Viele wissen nicht, dass die erste Arbeiterolympiade 1922 in Deutschland in Frankfurt ausgerichtet wurde. Damit wurde der Gegensatz zu den bürgerlichen Olympischen Spielen in deutlicher Weise zum Ausdruck gebracht. Das Lager des Arbeitersports war jedoch ebenfalls gespalten. Neben kommunistischen waren sozialdemokratische und sozialistische Sportorganisationen zu unterscheiden.

Erst durch die Lernprozesse, die die nationalsozialistische Diktatur dem Sport nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auferlegt hat, war es möglich, all diese Gegensätze im deutschen Sport zu überwinden. Die Entwicklung des deutschen Sports ist deshalb nicht nur als eine Erfolgsgeschichte zu beschreiben. Der deutsche Sport wurde mehrfach politisch missbraucht, externe Interessengruppen haben sich immer wieder mittels des Sports mit falschen Federn geschmückt, und im Sport selbst waren seine Ideale, insbesondere das Prinzip des Fair Play, auf vielfältige Weise in Frage gestellt. Manches hat sich seit dieser Zeit verbessert, doch noch heute ist der Sport in Deutschland besonderen Gefahren ausgesetzt. Er weist insbesondere im Bereich des Hochleistungssports Tendenzen zur Selbstzerstörung auf. In ihm finden teilweise fragwürdige politische Entscheidungen, Beeinflussungen und Entwicklungen statt. Nach wie vor steht das Prinzip des Fair Play auf dem Prüfstand. Der auch in Deutschland stattfindende Dopingbetrug ist offensichtlich. Korruption und Manipulation sind auch im deutschen Sport eine besondere Gefahr, so wie diese Gefahren in allen fortgeschrittenen Sportsystemen der Welt anzutreffen sind. Die Frage, die sich dabei stellt, ist, ob die bestehenden Sportstrukturen geeignet sind, alle diesen Herausforderungen zu entsprechen. Um diese Frage diskutieren zu können, sollen im Folgenden die Strukturen des deutschen Sports, so wie sie heute bestehen, genauer gekennzeichnet werden.

1. Organisatorische Strukturen

Der heutige Sport in Deutschland zeichnet sich durch eine organisatorische Vielfalt aus. Nicht nur in den Turn- und Sportvereinen wird Sport betrieben, den Bürgerinnen und Bürgern wird auch von Gemeinden, Kirchen, Feuerwehren, Hochschulen, Betrieben oder auch von Rote Kreuz-Organisationen ein vielfältiges Sportangebot unterbreitet (vgl. Abb. 2)

Abb. 2: Organisationsformen des Sports

Abb. 3: Drei Säulen im deutschen Sportsystem

Vor allem ist das öffentliche Schulwesen jener Ort, an dem jeder Deutsche auf ein Pflichtangebot trifft. Der Sport, so wie er heute in Deutschland anzutreffen ist, beruht organisatorisch auf drei Säulen. Neben den staatlich initiierten Angeboten der öffentlichen Sportverwaltung gibt es Angebote der Privatwirtschaft und im Mittelpunkt stehen die gemeinnützigen Angebote der Vereine und Verbände (vgl. Abb. 3).

1.1. Der staatlich organisierte Sport

Abb. 4: Öffentliche Sportverwaltung

Eine bedeutsame Rolle für die Entwicklung des Sports in Deutschland spielt der Staat. Dabei muss jedoch einschränkend hinzugefügt werden, dass angesichts der gekennzeichneten historischen Entwicklung und angesichts der notwendigen Lernprozesse, die im deutschen Sport nach dem Zweiten Weltkrieg und vor dem Hintergrund der Nazi-Diktatur erforderlich waren, dem Staat in Deutschland eine weit geringere Rolle in Bezug auf den Sport zukommt, als dies in nahezu allen anderen Nationen der Welt der Fall ist. Die staatliche Organisation des Sports weist eine hierarchische Struktur von der Gemeinde über den Bezirk über das Land bis zur Ebene des Bundes auf. Die politische Verantwortung über den Sport wird dabei auf mehrere Schultern verteilt (vgl. Abb. 4).

Für kommunale Fragen, insbesondere für die Förderung der Vereine und für die Bereitstellung, Wartung und Weiterentwicklung der Sportstätten, sind die Kommunen zuständig. In der Regel gibt es dabei eine hauptamtliche Sportverwaltung, oft steht an der Spitze dieser Verwaltung ein sogenannter Sportbürgermeister. In den 16 Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland wird der Sport jeweils in einem Fachministerium verantwortet, dabei ist der Sport meist im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport ressortiert. Es gibt aber auch Bundesländer, in denen der Sport dem Sozialministerium bzw. dem Innenministerium zugewiesen ist. Die Länder sind vor allem für den Schulsport verantwortlich. Auch beteiligen sie sich an der Entwicklung der Sportanlagen und sie sind für die Belange des Nachwuchsleistungssports zuständig. Was die nationale Sportpolitik betrifft, so steht an dessen Spitze der Bundespräsident, wenn es um repräsentative Fragen geht. In vergleichbarer Weise vertritt der Bundeskanzler in seiner Bundesregierung Belange des Sports. Das eigentliche Ministerium, das für die Entwicklung des Sports in Deutschland eine herausragende Stellung einnimmt, ist jedoch das Bundesministerium des Innern. Gemäß der deutschen Verfassung ist dieses Ministerium für die Belange des Hochleistungssports zuständig. Die Themen Sportförderung, Finanzierung des Sports, Sportpolitik, Förderung der Bundessportfachverbände, Infrastrukturförderung, Spitzenförderung in der Bundespolizei, Förderung des Spitzensports für Menschen mit Behinderung, Dopingbekämpfung auf nationaler und internationaler Ebene sowie internationale Sportpolitik fallen dabei in die Zuständigkeit dieses Ministeriums. Die Erforschung des Sports spielt ebenso eine wichtige Rolle. Deshalb ist ein Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) mit weiteren Forschungseinheiten wie dem Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) und dem Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) dem Innenminister direkt zugeordnet.

1.2. Der freiwillig organisierte Sport

Die zweite und wohl wichtigste Säule des deutschen Sports ist der freiwillig bzw. gemeinnützig organisierte Sport. Die Keimzelle dieser Organisationsform ist der Verein im Sinne einer freiwilligen Vereinigung von Bürgerinnen und Bürgern.

Der eingetragene Verein zeichnet sich durch folgende konstituierende Merkmale aus:

  • freiwillige Mitgliedschaft
  • Unabhängigkeit vom Staat
  • Orientierung an den Interessen der Mitglieder
  • demokratische Entscheidungsstrukturen
  • ehrenamtliche Mitarbeit

Gemäß der jüngsten Statistik des DOSB (DOSB, 2018) gibt es heute in Deutschland 89.594 Vereine. Es handelt sich dabei um Einsparten- und Mehrspartenvereine. In der Mehrzahl dieser Vereine wird nur eine Sportart ausgeübt. Es gibt aber immer häufiger Vereine, in denen mehrere Sportarten und weitere Sportaktivitäten den Mitgliedern, aber auch Interessierten über ein nicht an die Mitgliedschaft gebundenes Angebot unterbreitet wird. Heute sind es mehr als 27,4 Millionen Menschen, die über eine Mitgliedschaft in einem Verein eingebunden sind (vgl. Tab. 1).

 1950200120092017
Sportvereine19.87487.71790.89789.594
Mitgliedschaften3,2 Mio.26,8 Mio.27,5 Mio.27,4 Mio.
Bevölkerungsanteil6,7%32,6 %33,6%33,21%
Sportfachverbände23556163

Tabelle 1: Versportlichung als Merkmal des sozialen Wandels

 

Der bundesweit durchschnittliche Organisationsgrad über alle Spitzenverbände liegt bei 33%. Dabei gibt es jedoch erhebliche regionale Unterschiede. Den höchsten Organisationsgrad weist das Saarland mit 36,99% auf. Der niedrigste ist in Brandenburg mit 13,73% anzutreffen (DOSB, 2018). Für die neuen und alten Länder gibt es ein gravierendes Gefälle. Dies verweist auf erhebliche Wachstumsperspektiven in den neuen Ländern (vgl. Tab. 2a&b).

  Jungen
0-6 Jahre
Mädchen
0-6 Jahre
Jungen
7-14 Jahre
Mädchen
7-14 Jahre
Jungen
15-18 Jahre
Mädchen
15-18 Jahre
Neue Bundes-
länder
Mitglieder55.12847.128232.419144.96589.18249.142
Bevölkerung388.704368.729423.129399.827212.828191.442
% Anteil14,18%12,78%54,93%36,26%41,90%25,67%
Alte Bunde-
länder
Mitglieder670.299575.3632.197.6751.586.9541.015.600673.612
Bevölkerung2.277.1582.157.4942.590.3092.443.2181.500.0851.369.988
% Anteil29,44%26,67%84,84%64,95%67,70%49,17%

Tabelle 2a: Organisationsgrad der neuen und alten Bundesländer im deutschen Sport im Jahr 2017 (DOSB, 2018)

  Männer
19-26 Jahre
Frauen
19-26 Jahre
Männer
27-40 Jahre
Frauen
27-40 Jahre
Männer
41-60 Jahre
Frauen
41-60 Jahre
Männer
60+ Jahre
Frauen
60+ Jahre
Neue Bundes-
länder
Mitglieder104.14043.760230.00991.462309.776194.683180.455196.145
Bevölkerung428.089376.5371.142.9751.019.6321.901.1571.826.8411.710.5912.191.004
% Anteil24,33%11,62%20,12%8,97%16,29%10,66%10,55%8,95%
Alte Bundes-
länder
Mitglieder1.455.608827.9851.908.4741.165.4123.456.9882.277.8242.407.8751.598.896
Bevölkerung3.529.7993.228.2966.273.0526.077.94310.390.82710.330.2827.928.4359.843.302
% Anteil41,24%25,65%30,42%19,17%33,27%22,05%30,37%16,24%

Tabelle 2b: Organisationsgrad der neuen und alten Bundesländer im deutschen Sport im Jahr 2017 (DOSB, 2018)

 

Ist ein Deutscher Mitglied in einem Verein, so ist er in doppelter Weise in die Strukturen des deutschen Vereins- und Verbandssports eingebunden. Denn der so genannte „freie Sport“ hat nach dem Zweiten Weltkrieg eine Doppelorganisation aufgebaut, die sich dadurch auszeichnet, dass zum einen die sportfachlichen Belange einer Sportart zu organisieren sind und es daneben auch einer Organisation der überfachlichen Belange bedarf. Deshalb ist jedes Vereinsmitglied zunächst einmal Mitglied einer Sportart, d.h. einer Sportabteilung, die wiederum Mitglied eines Landessportfachverbandes ist. Der Landessportfachverband ist Mitglied des Spitzenverbandes, dieser wiederum ist Mitglied des Deutschen Olympischen Sportbundes. Darüber hinaus ist der Spitzenverband auch Mitglied seines jeweiligen internationalen Fachverbandes (vgl. Abb. 5).

Abb. 5: Aufbau des organisierten Sports in Deutschland

Jeder Sportler eines Vereins ist aber auch in die überfachliche Organisation eingebunden.

Er ist nicht nur Mitglied seiner Abteilung, sondern auch Mitglied des überfachlichen Vereins, der Mitglied eines Bezirks- oder Stadtsportbundes ist. Die Sportbünde wiederum bilden gemeinsam mit den Landesfachverbänden einen Landessportbund und dieser ist ebenfalls Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund (vgl. Abb. 6).

Abb. 6: Mitglieder des DOSB (DOSB, 2015b)

Der Deutsche Olympische Sportbund hat deshalb im Wesentlichen zwei Mitgliedersäulen: Die Spitzenverbände (vgl. Abb. 7) und die Landessportbünde (vgl. Abb. 8)

Abb. 7: Aufgaben der Spitzenverbände

Abb. 8: Aufgaben der Landessportbünde

Unter dem Gesichtspunkt der politischen Macht sollen sich diese beiden Partner in einer Balance befinden. Darüber hinaus weist der Deutsche Olympische Sportbund aber noch eine ganze Reihe von weiteren Mitgliedsorganisationen auf. Hierbei sind vor allem die Verbände mit besonderen Aufgaben zu erwähnen:

  • Allgemeiner Deutscher Hochschulsportverband
  • Bundesverband staatlich anerkannter Berufsfachschulen für Gymnastik und Sport
  • CVJM-Gesamtverband in Deutschland – CVJM-Sport
  • Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (Deutscher Sportärztebund)
  • Deutsche Olympische Gesellschaft
  • Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft
  • Deutscher Aikido-Bund
  • Deutscher Betriebssportverband
  • Deutscher Verband für Freikörperkultur (DFK)
  • Deutscher Sportlehrerverband
  • Deutscher Verband für das Skilehrwesen – Interski Deutschland
  • DJK-Sportverband
  • Deutsches Polizeisportkuratorium
  • Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft – Sportkommission
  • Kneipp-Bund
  • Makkabi Deutschland
  • Rad- und Kraftfahrerbund (RKB) „Solidarität“ Deutschland 1896
  • Special Olympics Deutschland
  • Stiftung Sicherheit im Skisport
  • Verband Deutscher Eisenbahner-Sportvereine

Die Landessportbünde, die Spitzenverbände und die übrigen Mitgliedsverbände des DOSB bilden gemeinsam die Mitgliederversammlung des DOSB, sie wählen das Präsidium und sind darüber hinaus Mitglied in verschiedenen ständigen Konferenzen. Das Präsidium des DOSB setzt sich aus einem Präsidenten, fünf Vizepräsidenten (Wirtschaft und Finanzen, Leistungssport, Breitensport und Sportentwicklung, Bildung und Olympische Erziehung und Frauen und Gleichstellung), den Vorsitzenden der Deutschen Sportjugend und der Athletenkommission und den aktiven deutschen IOC-Mitgliedern zusammen. Die Arbeit im DOSB wird überwiegend über hauptamtliche Strukturen gesichert. Heute sind im Deutschen Olympischen Sportbund mehr als 100 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt. Sie werden von einem fünfköpfigen Vorstand (Vorstandsvorsitzende, Finanzen, Sportentwicklung, Leistungssport, Sportjugend) geführt.

Das herausragende Merkmal des freiwillig organisierten Sports ist jedoch die Basisstruktur der freiwilligen Vereinigung, der eingetragene Verein. Sieben Mitglieder bilden dabei die minimale Grundlage, um die erforderliche Eintragung im Vereinsregister zu sichern. Ist dies erfolgt, d.h. entspricht ein Verein den Ansprüchen einer durch den Gesetzgeber definierten freiwilligen Vereinigung, so ist damit die wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung des deutschen Sports geschaffen.

Abb. 9: Gesellschaftliche Positionierung einer freiwilligen Vereinigung

Die freiwillige Vereinigung hat sich als ideale intermediäre Institution erwiesen, sie vermittelt zwischen der Privatheit des Individuums und dem Staat, zwischen privaten Haushalten und sie vermittelt zwischen erwerbswirtschaftlichen Betrieben. Darüber hinaus steht sie in einer engen Beziehung zu anderen freiwilligen Vereinigungen (vgl. Abb. 9).

Auf diese Weise wurde eine lebendige Basisstruktur für die Weiterentwicklung einer modernen Demokratie geschaffen. Diese hat sich für die deutsche Sportentwicklung in den vergangenen 65 Jahren als äußerst erfolgreich erwiesen.

1.3. Der privat organisierte Sport

Ein beispielloser Prozess so genannter „funktionaler Differenzierung“ hat nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland eine Vielfalt von neuen Organisationen des Sports hervorgebracht, wobei für die Entwicklung des Sports vor allem die privat gegründeten Organisationen zunehmend an Bedeutung gewinnen konnten. Begünstigt wurde dieser Prozess durch Kampagnen, die auf die sportliche Aktivierung der deutschen Gesellschaft zielten. Erwähnenswert sind dabei vor allem die verschiedenen Trimmkampagnen, die noch bis heute nachwirken.

Nicht zuletzt ihnen ist auch ein so genannter Fitnessboom in Deutschland zuzuschreiben. Dieser Fitnessboom hatte die Gründung vieler privater Fitnessbetriebe zur Folge (vgl. Abb. 10 & 11)

Abb. 10: Mitgliederentwicklung im Fitnessbereich (Statista, 2017). Mitgliederzahl der Fitnessstudios in Deutschland von 2003 bis 2017 (in Mio.)

Abb. 11: Anlagenentwicklung im Fitnessbereich (Statista, 2017). Anzahl der Anlagen in der Fitnessbranch in Deutschland von 2008 bis 2017.

Deutschland liegt mit 10,08 Millionen Mitgliedern in Fitnessstudios auf Platz eins im europäischen Vergleich der absoluten Zahlen. Auf Platz zwei folgt das Vereinigte Königreich von Großbritannien mit 9,25 Millionen und dahinter Frankreich mit 5,46 Millionen Mitgliedern. Jährlich entstehen neue Fitnessanlagen und der Fitnesssektor ist längst zu einem relevanten Arbeitsmarkt geworden. Die Fitnessstudios haben dabei im Laufe der Jahre ihre Funktion verändert. Heute ist ein Fitnessstudio immer häufiger ein Ort, an dem Kommunikation, „sich wohl fühlen“, Gesundheit und Entertainment wesentliche Inhalte sind. Ebenso ist Prävention und Rehabilitation in den Mittelpunkt des Angebots gerückt. Die Fitnessstudios haben dabei ihren Zuwachs vor allem den weiblichen Nutzern zu verdanken, sie machen heute bereits 47% der Mitglieder aus. Es gibt bereits 800 reine Frauenfitnesscenter. Immer häufiger werden heute Fitnessstudios auch von Turn- und Sportvereinen betrieben. Die Vereine sind dabei jedoch bemüht, ihren gemeinnützigen Status nicht zu gefährden.

Über die vergangenen Jahrzehnte ist die Fitness- und Gesundheitsbranche mittlerweile zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor in Deutschland geworden. Sie generiert Umsätze in Milliardenhöhe – mit weiterhin steigender Tendenz – und schafft Arbeitsplätze (vgl. Abb. 12a&b)

Abb. 12a: Mitarbeiterentwicklung (2015-2017), Gesamtmarkt im Fitnessbereich (DSSV, 2018). Mitarbeiter in Tsd.

Abb. 12b: Umsatzentwicklung (2014-2017), Gesamtmarkt im Fitnessbereich (DSSV, 2018). Umsatzentwicklung in Mrd. Euro.

Neben den Fitnessstudios sind noch weitere private Sportanbieter zu unterscheiden:

  • Große Sport- und Freizeitanlagen (z. . Tennis- und Squashanlagen, große Sportzentren mit vielfältigen Sport- und Freizeitangeboten)
  • Fitness- und Bodybuilding-Studios mit dem Schwergewicht Fitness und/oder Bodybuilding, aber auch zusätzlichen Angeboten z. B. im Kampfsport
  • Kampfsportschulen mit dem Schwerpunkt in asiatischen Kampfsportarten, aber auch Zusatzangeboten, vor allem aus dem Bereich Fitness/Bodybuilding
  • Tanzschulen (Gesellschafts-, Standardtanz)
  • Ballettschulen mit dem Schwerpunkt klassisches Ballett
  • Moderne Tanz- und Gymnastikstudios mit vorwiegend neuen Formen des Tanzes und der Bewegung
  • Einspartige Sportschulen mit meist traditionellen Sportarten, z. B. Segel-, Reit-, Schwimm-, Boxschulen
  • Reiseunternehmen mit Sport als Teil des Urlaubsangebotes
  • Sonstige Sportstätten mit einem Angebot an Nutzungsmöglichkeiten, z. B. Bowling- und Kegelbahnen
  • Private Stadtteil-Bildungszentren, die neben Weiterbildungsangeboten in verschiedenen Fächern auch Sport anbieten
  • Regelmäßig anbietende Einzelpersonen
  • Einmalige/sporadische Angebote von Einzelpersonen

Auch sie haben in den letzten Jahren ein starkes Wachstum zu verzeichnen. Unter organisatorischen Gesichtspunkten sind die privaten Anbieter allerdings relativ schwach organisiert. Deshalb macht es ihnen auch Mühe, ihre Interessen gegenüber der Politik und der Wirtschaft zu vertreten.


Im zweiten Teil  von „Strukturen des Sports in Deutschland“ werden Sozial- und Personalstrukturen des Sports in Deutschland behandelt.

zum zweiten Teil >>


Literatur

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  • Statista (2018b). Bevölkerung in Deutschland nach Häufigkeit des Sporttreibens in der Freizeit von 2014 bis 2017.  Zugriff unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/171911/umfrage/haeufigkeit-sport-treiben-in-der-freizeit/